Hinweise zur Therapie chron. entzündliche Multisystemkrankheiten

 

Anlass ist die aktuelle Notsituation: Ende 2014 bis Anfang 2015 meldeten sich allein 4 verschiedene schwere Notfälle mit akuter Symptomatik von MCS (Multiple Chemikalien-Sensitivität) bei Selbsthilfegruppen und forderten sofortige Hilfe von den selbst betroffenen Mitgliedern der Selbsthilfegruppen. Haus- und Notärzte wollten die Betroffenen in psychiatrische Behandlung überweisen, mangels eigener Kenntnisse zur Krankheit MCS, und ohne eine genauere Anamnese und Diagnose der Krankheit vorgenommen zu haben. Bei den Betroffenen deuteten jedoch die akuten und heftigen Reaktionen auf die jeweiligen Umweltbedingungen (Duftstoffe, Ausdünstungen aus Innenraum-Materialien, Auto-Abgase, usw.) auf eine typische MCS-Erkrankung hin. Bei 2 besonders schweren Fällen lag sowohl eine schwere Akut-Symptomatik als auch eine soziale Notlage vor: Die beiden jüngeren Frauen vertrugen den Aufenthalt in allen zur Unterkunft angebotenen Innenräumen nicht und waren im Winter zum Daueraufenthalt im Freien gezwungen. Die von uns angebotenen Hilfsmaßnahmen (Unterkunft, Nahrung, usw.) erwiesen sich meist als undurchführbar, da die Betroffenen fast alles nicht vertrugen. Gleichzeitig forderten sie flehend weiter Hilfe. Diese

Situation überforderte uns als SHG-Mitglieder über alle Maßen. Das Gesundheitswesen versagt hier eklatant. Wir als SHGs von Umweltkranken sind jedoch keine soziale Hilfsorganisation für derartige Notfälle.

 

Diese Therapie-Hinweise sollen dem total überforderten medizinischen Personal in den Praxen und Kliniken Grundinformationen zur MCS-Therapie liefern, sie ersetzen jedoch nicht die auf eine ärztliche Diagnostik und Anamnese gegründete Therapie (siehe Praxisleitlinie Umweltmedizin des dbu - Deutscher Berufsverband der Umweltmediziner unter www.dbu-online.de). Sie soll dem Arzt lediglich als Anhaltspunkte für seine Therapiemaßnahmen geben.

Auch ist  festzustellen: Es gibt keine offiziell validierten wirksamen Sofortmaßnahmen für solche Fälle, die eine sofortige Linderung der schweren Beschwerden erreichen können.

 

Keine Psychiatrie!

Grundsätzlich falsch ist es jedoch, betroffene Patienten mangels Kenntnisse über die  Krankheit MCS in psychiatrische Behandlung zu überweisen, ohne zuvor eine genauere Anamnese und Diagnostik zur Krankheit vorgenommen zu haben. MCS ist nach der WHO-Klassifikation ICD-10 T78.4 international als umweltbedingte organische und nicht psychische Erkrankung anerkannt. Eine rein psychisch-psychiatrische Behandlung kann z.B. durch Verabreichung von Neuroleptika „zur Beruhigung“ bei MCS-Patienten tödlich-toxische neurologische Komplikationen verursachen. Dies stellt einen juristisch verfolgbaren schweren ärztlichen Kunstfehler dar.

 

Therapieziel:

-         Hemmung chronisch-systemischer Entzündungsmechanismen (antientzündliche Therapie), die im Prinzip nach dem NO-Peroxynitrit-Zyklus in Zellen und Geweben des angeborenen Immunsystems (Makrophagen, Gliazellen, Oligodendrozyten, Mastzellen) sowie des peripheren und zentralen Nervensystems ablaufen (Siehe Pall, 2007, 2009; Bartram, 2007; Bieger et al., 2002).

 

Therapie-Vorschläge

 

-         Grundbedingung: sofortige Expositionskarenz, d.h. Vermeidung aller in Frage kommenden Emissionsquellen von organisch-chemischen Fremd- und Reizstoffen.

 

Medikamente und/oder Nahrungsergänzungsmittel (in Stichworten):

 

1.     Allgemeine Hinweise:

-         Schwere MCS-Fälle reagieren bereits auf geringste Spuren fast aller Medikamente und

      Nahrungsergänzungsmittel.

 

-         Daher: stets bei oraler, subcutaner und i.v.-Anwendung stets mit der geringst-möglichen Dosierung und Menge beginnen und bei Unverträglichkeit sofort absetzen!

 

-         Das Ganze mit neuem Wirkstoff beginnen!

 

2.     Einzelne Wirkstoffe:

 

2.1.         Medikamente:

- NMDA-Antagonisten: Dextrometorphan, Memantin, Ketamin und Flupirtin

- Antihistaminika

- TRP- bzw. Vanilloid-Rezeptor-Antagonisten: Capsazepin

- GABA-Agonisten: Gabapentin

 

2.2. Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel (auch als Soforttherapie):

-         Vitamin B12, Wirkstoff Hydroxy-Cobalamin, Dosis 1-20 mg i.m.

-         Vitamin B6, Pyridoxin bzw. Pyridoxalphosphat,

-         Vitamin D3, ca. 2000 i.E. (pro Monat 60000 i.E. empfohlen),

-         Folsäure

-         Taurin (2-Amino-ethansulfonsäure)

-         Ebselen

 

2.3.         antioxidative Wirkstoffe (Vitamine, Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel)

-         Glutathion, reduzierte Form (GSH), i.m., i.v., auch als Infusion, 2-3 mal pro Woche

-         Ersatzweise N-Acetylcystein,

-         Vitamin E (oral, Dosierung: bis zu 15 mg/Tag)

-         Vitamin C (Ascorbinsäure), oral, i.v., auch als Infusion,

-         α-Liponsäure (oral, i.v., auch als Infusion, Achtung: wird von MCS-Patienten i.v. häufig nicht vertragen),

-         Coenzym Q10 (Ubichinon oder Ubichinol-10)

-         Omega-3-Fettsäuren

-         Weitere antioxidative Wirkstoffe: Curcumin, Epicatechin, Anthocyanine, Oxindol-Alkaloide,

 

2.4.         Zusätzliche Entgiftungstherapie:

-         bei vorhandenen Amalgamfüllungen in Zähnen sowie sonstiger nachgewiesener Schwermetall-Belastung solle möglichst bald mit der Entfernung der Quellen (unter Schutzbedingungen) und anschließender Entgiftung mit Chelatbildnern wie DMPS, Tiopronin o.ä. begonnen werden.

-         Grundsätzlich ist langfristig auch eine regelmäßige Blutwäsche durch Doppelmembranfiltrations-Apherese (Dr. Straube, Dr. INUS Medical Centerm Furth im Wald) zu empfehlen

 

3.       Haftungsausschluss.

 

Für diese Empfehlungen übernehme ich keine Gewähr hinsichtlich Wirksamkeit oder schädlichen Nebenwirkungen. Sie sind aus der Not vieler aktueller akuter Notfälle kurzfristig zusammengestellt worden.

Die letzte Entscheidung und Verantwortung für die Therapie übernimmt der jeweils behandelnde Arzt!

 

Literaturangaben:

 

Bartram, F.(2007): Wissenschaftliche Methoden und Arbeitsweisen im Fachbereich „Kurative Umweltmedizin“.  Umwelt, Medizin, Gesellschaft 20/1, 2007, 63

 

Bieger WP, Bartram F, Knabenschuh, B., Penz, M., Neuner-Kritikos, A., Mayer, W. (2002): Die Rolle von oxidativem Stress in der Pathogenese von MCS.  Zeitschrift f. Umweltmedizin 4, 2002, 198-205

 

Pall, ML (2007): Explaining Unexplained Illnesses. Disease paradigm for Chronic Fatigue Syndrome, Multiple Chemical Sensitivity, Fibromyalgia, Post-Traumatic Stress Disorder, Gulf War Syndrome, and Others. Harrington Park Press, New York, London, 2007; doi: 10.1300/5139-a.

 

(Dr. H.U. Hill)