RKI-Studie zu MCS – Multiple Chemikalien-Sensitivität

Inhaltsangabe und Kritik

 

In der sog. RKI-Studie (2002, RKI = Robert-Koch-Institut) wurde in Deutschland erstmals versucht, ein für MCS charakteristisches  Krankheitsbild genauer zu definieren und von anderen Krankheiten abzugrenzen. Dazu wurden umfangreiche  Fragebögen ausgewertet, in denen Patienten von Umweltambulanzen nach ihren Beschwerden und Befindlichkeiten befragt wurden.

Zur Auswahl der befragten Patienten und deren Einordnung als MCS-Kranke dienten im Wesentlichen die Krankheitskriterien nach Cullen.

Die Ergebnisse zeigten u.a. folgende Merkmale des Krankheitsbildes: Danach sind MCS-Patienten viel stärker betroffen von verschiedenen Schmerzsymptomen in Kopf, Muskeln und anderen Organen sowie von häufiger auftretenden  Erkrankungen wie Allergien, Magen-Darm-, Atemwegs- und psychischen Erkrankungen. Dazu kommen häufig eine besondere Geruchsempfindlichkeit, Geschmacksstörungen, Ohrgeräusche (Tinnitus), abnehmendes Leistungsvermögen sowie chronische Müdigkeit, die mindestens über 6 Monate andauern. Die  Patienten bejahen überwiegend eine besondere Infektanfälligkeit, Textil-Unverträglichkeiten sowie eine generelle Unverträglichkeit gegenüber chemischen Stoffen. Die Patientengruppe, die sich selbst als „MCS-krank“ („sMCS-Gruppe“) einstufte, fühlen sich signifikant häufiger durch Gerüche im Haushalt, insbesondere von Emissionen durch Baumaterialien, Wand- und Bodenbeläge, Anstriche, Möbel, Dentalwerkstoffe, Bedarfsgegenstände sowie durch allgemeine Umweltchemikalien belästigt bzw. belastet, und dies durch Einwirkungen im Wohnumfeld sowie  am jetzigen und früheren Arbeitsplatz. Psychosoziale Ursachen der Beschwerden, wie z.B. finanzielle Sorgen, Vereinsamung, Beziehungsprobleme, familiäre Belastungen, Nachbarschaftsprobleme, werden fast einhellig abgelehnt.

  Mit einem besonderen MCS-Fragebogen wurde bei den MCS-Patienten eine besondere Empfindlichkeit gegenüber 28  ausgewählten chemischen Stoffen festgestellt, bei deren Exposition in der Regel starke bis sehr starke Beschwerden angegeben wurden. Besonders starke Wirkungen haben demnach bestimmte Parfumstoffe sowie Pilzallergene. Die MCS-Patienten empfanden die von den Stoffen ausgelösten Symptome häufiger als sehr stark als die zum Vergleich befragten Allergiker. Die sMCS-Patienten bezeichneten einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den starken Beschwerden und einer Einwirkung von Umweltstoffen in  hochsignifikanter Zahl als wahrscheinlich. 

  In einer speziellen Teilstudie (Erlangener multizentrische Teilstudie) wurde bei den Patienten mit MCS-Verdacht das olfaktorische System, bestehend aus Riechschleimhaut der Nase, dem Riechnerv sowie den sensorischen Zentren des Geruchssinns in der Großhirnrinde, mit geringen Konzentrationen verschiedener Geruchsstoffe und Lösungsmittel gereizt. Dabei zeigte 2-Propanol im Hintergrund-EEG bei nicht wahrnehmbaren Geruchskozentrationen deutliche Veränderungen. Durchweg schätzten die MCS-Patienten

ihre Müdigkeit nach Einwirkung der Geruchsstoffe als stärker ein als die Kontrollgruppe. Die Wachheit (Vigilanz) sowie die motorische Koordinationsfähigkeit scheint bei den MCS-Patienten  im täglichen Leben ebenfalls stärker beeinträchtigt zu sein. Die Autoren der Studie bezeichnen diese Feststellungen dennoch als in weiteren Studien zu überprüfende Artefakte und somit als nicht verwertbar, vermutlich um den Sponsoren der Studie damit den gewünschten Dienst zu leisten.

  SMCS-Patienten bezeichnen ihre Lebensqualität bezüglich Schmerzen, körperliche Funktionsfähigkeit und körperlicher Rollenfunktion  signifikant als niedriger sowie das körperliche Unwohlsein als stärker im Vergleich zur Kontrollgruppe. Das Beschwerdenprofil der Umweltambulanz-Patienten unterscheidet sich signifikant von dem der psychosomatischen und psychiatrischen Patienten. Die Beschwerden werden von sMCS-Patienten insgesamt als stärker wahrgenommen als von Patienten anderer schwerer Krankheitsbilder wie Herzinsuffzienz, verschiedene Organ- und psychiatrische Erkrankungen.

  Ein Kausalzusammenhang zwischen einer Belastung mit Umweltchemikalien und den berichteten Beschwerden wurde von den behandelnden und befragten Ärzten in 66% der Fälle als „eher unwahrscheinlich“  eingestuft. Eine umweltbedingte Erkrankung „im engeren Sinne“ wurde nur bei 22% der Patienten bejaht (s. Zusammenfassung S. 27). 

  In der Endanalyse kommen die Autoren der Studie – im Gegensatz zu den oben dargestellten Befunden! – zu dem Schluss, dass es für eine Einstufung von MCS als „im engeren Sinne umweltbedingte Erkrankung“ „keine völlig eindeutigen Kriterien“ gebe. Statt dessen müsse „jeder einzelne Fall auf Grund seiner besonderen Entwicklung und Problemlage“ gesondert begutachtet und beurteilt werden (S. 308). Dementsprechend lehnte die Mehrzahl der begutachtenden Ärzte  eine Einordnung der untersuchten MCS-Patienten zu den „im engeren Sinne den umweltbedingte Krankheiten“ ab. In 67% der Fälle soll ein Einfluss von schädigenden Umweltfaktoren (Umweltnoxen) „eher unwahrscheinlich“ sein. Die Umweltambulanz Gießen (Leitung Prof. Eikmann)  bescheinigte keinem einzigen der untersuchten Fälle eine Umweltrelevanz, sondern diagnostizierte in 70% der Fälle eine psychische bzw. psychosomatische Störung. Der relativ hohe Anteil einer Zuordnung von Umwelteinflüssen bei den Patienten der Umweltambulanz Bredstedt wurde auf „das besondere Profil“ dieser Klinik zurückgeführt.

 

 

Unsere Kritik an den Schlussfolgerungen der RKI-Studie:

Wenn auch als Nicht-Mediziner, so dennoch als betroffene Laien und damit „Fachleute für unsere Krankheit“ maßen wir uns an, die abschließende Deutung der  Ergebnisse der Studie grundsätzlich zu kritisieren. Hier zeigt sich ein Wissenschaftsverständnis von strikter, eindimensionaler Kausalität, die auch beim Vorlegen sehr starker Hinweise eine Aussage hinsichtlich umweltbedingter Krankheitsursachen nicht zulässt und damit die (aus unserer Sicht) eindeutigen Hinweise auf synthetische Chemikalien als Ursache der beschriebenen MCS-Symptome einfach wegdiskutiert. Da die Hinweise für einen Umwelt-Zusammenhang der MCS-Krankheit in der Studie mehrfach dargelegt sind, steht die Schlussfolgerung, die diesen Zusammenhang unbegründet abstreitet, im Gegensatz zu den Ergebnissen der Studie. In typischer Weise wird die Umweltambulanz Bredstedt, die eine Mehrzahl der MCS-Patienten als umweltbedingt krank einstufte,  wegen ihres „besonderen Profils“ als  wissenschaftlich fragwürdig abgewertet. Ist das  die “wertfreie“, von wirtschaftlichen Interessen (Sponsoren!) unabhängige Wissenschaft?

Daher wollen wir uns auf diesen „Dialog“, der eine Relativierung der Befunde im Dienste  mächtiger Interessengruppen in Industrie, Politik und Gesundheitswesen betreibt, auch nicht mehr einlassen!

Wir fordern weiterhin die grundsätzliche Anerkennung von Umweltnoxen (Schadstoffe, Strahlung, Lärm, Stressbedingungen) als zumindest in wesentlichen Anteilen verantwortliche Ursache für das  Krankheits-geschehen von MCS und verwandten Krankheitsbildern! Erst dann ist eine sinnvolle Therapie und Prävention überhaupt möglich, indem nämlich ein Schutz vor Expositionen durch diese Umweltnoxen durch eine effektive Umwelt- und Chemie-Politik (Grenzwerte!) an die erste Stelle gesetzt wird – und dies in allen Lebens- und Arbeitsbereichen!

 

Bezüglich der Methodik der Studie ist anzumerken, dass eine rein phänomenologische Erfassung von Symptomen des Krankheitsbildes durch Fragebögen bei dem heutigen Stand der biochemischen und pharmakologischen Grundlagenforschung unzureichend erscheint, um das Krankheitsbild MCS von anderen Krankheiten deutlicher abzugrenzen. Hierzu stehen seit einigen Jahren eine Reihe von labormedizinischen Testmethoden zur Verfügung, um anhand von immunologischen und biochemischen Parametern (Lymphozyten-Aktivität, Interferone, Interleukine, Redox-Potential, Homonstatus, Vitamin-Screening, usw.) MCS-Patienten zu charakterisieren und von anderen ähnlichen Krankheitsbildern (Typ IV-Allergien, CFS, Polyneuropathien, Fibromyalgie u.a. rheumatische Erkrankungen) abzugrenzen. Hier sollten die finanziellen Mittel für eine weitere Studie bereitgestellt werden, um bestimmte Laborwerte als Marker für MCS statistisch abzusichern und sie dann als Belege für Gutachten zu verwenden.

 

Literatur:

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Umweltforschungsplan (Hrsg): Multizentrische MCS-Studie. Bd. 1: Berichtsband (2002). Bezugsquelle: Umweltbundesamt, http://www.uba.de

(Nur über das Internet durch download erhältlich; CD-ROM bei der SHG gegen Spende zu bestellen)

 

Zurück

Zur Homepage