Neurodegenerative
Erkrankungen und MCS: Gibt es einen Zusammenhang?
Auszug aus der 2. Neuauflage
des Buches (demnächst erscheinend):
Multiple Chemikalien-Überempfindlichkeit (MCS) – Ein Krankheitsbild der chronischen
Multisystem-Erkrankungen. Toxikologische, psychische und sozialpolitische
Aspekte – Ein Blick auf den aktuellen Forschungsstand.
Shaker-Verlag Aachen, 1.
Aufl.2005, 110 S., 1 farbige, 4
schwarz-weiße Abb., 24.-Euro,
ISBN 3-8322-4583-9.
Bestellen bei: http://www.shaker.de
Es gibt Hinweise, dass Chemikalien als Auslöser und
Ursache der Parkinson-Krankheit und
der Huntington´schen Krankheit in Frage kommen. Bestimmte
organische Hemmstoffe der Atmungskette in den Mitochondrien sind weithin
gebräuchlich bei experimentellen Tiermodellen von neurodegenerativen
Krankheiten. So wirkt z.B. die Substanz Rotenon
einerseits als Hemmstoff des Enzymkomplexes I
in den Mitochondrien, andererseits als Auslöser der Parkinson-Krankheit,
wobei im Rattengehirn die den Transmitter Dopamin bildenden (dopaminergen) Nervenzellen des Nigrostriatums
(Basalganglien im Stammhirn, bestehend aus Substantia nigra und dem Striatum) selektiv degenerieren (Sherer
et al., 2003). Ähnliche Wirkungen wurden kürzlich mit den Pestiziden Pyridaben, Fenpyroximat, Fenazaquin und Tebunfenpyrat
festgestellt, Substanzen, die zu den so genannten Pyrazol-Acariziden
(Mittel gegen Milben) gehören (Sherer et al., 2007). Mit ihrer toxischen Wirkung auf den
Atmungsstoffwechsel der Nervenzellen wird eine wesentliche Funktion der Basalganglien des Gehirns bei der Regelung des
Bewegungsablaufs gestört, es kommt zu den motorischen Symptomen der
Parkinson-Krankheit. Ähnliche Wirkungen
zeigten weitere Hemmstoffe der Mitochondrien-Atmung, wie Antimycin
A und Myxothiazol (Panov et
al., 2005). Die 3-Nitropropionsäure, ein Hemmstoff den Enzymkomplexes II in den
Mitochondrien, löst bei Versuchstieren die Huntington´sche
Krankheit aus. Allen diesen Hemmstoffen ist gemeinsam, dass sie den
Elektronentransport in der Atmungskette an der inneren Membran der
Mitochondrien hemmen. Dadurch kann die Zelle keine Energie in Form von ATP (Adenosin-Triphosphat) mehr gewinnen, und der Stoffwechsel
kommt entweder ganz zum Erliegen, oder er schaltet auf „Sparflamme“ mit einer
Art Gärungsstoffwechsel um. Als Folge
davon kommt es zur Anreicherung von Reaktiven Sauerstoffverbindungen (ROS) und
damit zu oxidativem Stress in der Zelle. Die erhöhte ROS-Konzentration
war bei den als Versuchstieren verwendeten Ratten nach sechs Tagen Rotenon-Infusion sowie auch bei isolierten Mitochondrien im
Reagenzglas nach Behandlung mit Rotenon nachweisbar,
und dies bei sehr niedrigen Konzentrationen der toxischen Stoffe im Pikomol-Bereich (Panov et al.,
2005).
Die hohen ROS-Konzentrationen erhöhen wiederum die Empfindlichkeit der Zellen gegenüber einströmenden
Calcium-Ionen und bewirken ferner eine
Erhöhung der Durchlässigkeit der Zellmembranen für Fremdstoffe sowie
eine Auslösung des programmierten
Zelltods (Apoptose). Diese Apoptose
ist bei neurodegenerativen Krankheiten im Endstadium verantwortlich für die
festgestellte Gehirn-Atrophie. Es gibt also einen durch Tierversuche
bestätigten Zusammenhang zwischen der Hemmwirkung von Rotenon
auf den Atmungsstoffwechsel der Mitochondrien, der Bildung von Reaktiven
Sauerstoffverbindungen (ROS) und der Auslösung der Parkinson-Krankheit. Die
Wirkungen von Rotenon und die dadurch ausgelöste
Bildung von Sauerstoffradikalen finden
speziell in den Mitochondrien aus
Nervenzellen des Gehirns und nicht in denen der Leber-Zellen statt.
Demnach ist das Gehirn stärker
empfindlich gegenüber den toxischen Substanzen als andere Organe (Panov et al., 2005).
Rotenon, eine aus
bestimmten tropischen Pflanzenwurzeln gewonnene polyzyklische aromatische
Sauerstoffverbindung, wird auch als Insektizid und Acarizid
(gegen Milben) verwendet, ist aber wegen seiner hohen Toxizität in Deutschland
als Insektizid nicht zugelassen, wird aber dennoch u.a.
von Biogärtnern im Internet angeboten (Wikipedia,
Internet-Lexikon, 2008).
Die Befunde zur Wirkung von Rotenon und 3-Nitropropionsäure auf die Mitochondrien von
Gehirnzellen deuten darauf hin, dass bestimmte Mechanismen zur Auslösung chronischer neurodegenerativer Krankheiten
mit denen bei chronisch entzündlichen Multisystem-Erkrankungen wie MCS und CFS
in wesentlichen Teilen übereinstimmen.
Die bei der
Parkinson- und Huntingtonschen Krankheit nachgewiesenen Chemikalien-Wirkungen
auf die Mitochondrien der Gehirnnervenzellen sind identisch mit den
Mechanismen, die bei MCS/CFS als „Mitochondrien-Krankheit“ beschrieben wurden
(siehe Kapitel 6.1.4.). Zentrale Rollen spielen hier ebenso die
Reaktiven Sauerstoffverbindungen (ROS), Stickstoffmonoxid, Peroxynitrit,
der Induktionsfaktor NF-kB und die entzündungsfördernden
Zytokine. Bei erhöhten NO- und ROS-Konzentrationen
im Gehirn wird die Neigung der Nervenzellen zum programmierten Zelltod (Apoptose) verstärkt (Pall, 2007),
die besonders im höheren Lebensalter zur Gehirnatrophie führt. Die Zunahme
eines Absterbens von Zellen durch Apoptose als Folge
von entzündlichen Multisystem-Erkrankungen wurde durch mehrere Studien
bestätigt (Behan, Bakheit,
1991; Natelson, Lange, 2002; Englebienne, DeMeirleir, 2002; Rea et al., 1999; Massarotti,
2002; Daoud, Barkhuizen,
2002). Weitere epidemiologische und
biochemische Studien müssen in Zukunft noch genauer klären, ob ich der hier
vermutete Zusammenhang zwischen neurodegenerativen Erkrankungen und den durch
Chemikalien ausgelösten Überempfindlichkeits-Krankheiten bestätigen lässt,
beispielsweise, indem die Chemikalien-Expositionen im Lebenslauf von
Parkinson-, Alzheimer- und Huntington-Kranken mit denen einer Kontrollgruppe
verglichen und auf signifikante Zusammenhänge geprüft werden.