Umwelthormone, neuartige Chemiegifte

 

 „POPs „ - eine weltweite Gefahr durch neuartige Chemiegifte (nach Manfred Krauter, Greenpeace Deutschland, auf der Achema Frankfurt am 25.5.00,  und Studie: Chemicals out of Control, Greenpeace Deutschland Juni 2003)

Unter dem Begriff „POPs“ (Persistant Organic Polluants) werden Umweltgifte zusammengefasst, die in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen haben. Kriterien für die neuartigen unter dem Begriff POPs zusammengefassten Chemikalien sind: Akkumulation im Organismus und in der Nahrungskette, Toxizität, und Stabilität in der Umwelt. Man spricht auch von sog. „PBT-Stoffen“ (persistent, bioakkumulativ, toxisch). Bisher gehörten dazu einige wichtige Pestizide, wie DDT, HCB (Aldrin), Toxaphen und Industriechemikalien wie PCB. In den 90er Jahren trat eine neue POP-Generation auf: Chlorparaffine, Phthalate, Flammschutzmittel (Brom-Halone), Bromdiphenylether, Nonylphenol-Verbindungen in Lebensmittel-Verpackungen, Moschus-Verbindungen in Parfümen, Tributylzinn und Verwandte, u.a.  Die Chemiebranche produziert inzwischen neue Stoffe, die ebenso gefährlich sein sollen: sie gelten als krebserregend, hormonell wirksam und wirken hemmend auf die Fortpflanzung (GP-Nachrichten 4, 2002, 4).

 

Viele dieser Stoffe werden über Alltagsgegenstände und Konsumprodukte wie Bodenbeläge, Dichtungsmassen, Textilien, Farben, Baumaterialien, Kunststoffgegenstände, Waschmittel und Parfums, elektronische Geräte in der Umwelt verbreitet. Dadurch entstehen in der Umwelt viele kleine Emissionsquellen, die die Umwelt letztlich stärker belasten als einzelne große punktförmige Emissionsquellen wie z.B. der chemischen Industrie. So kommt es, dass lokale Gewässer und Böden von Weichmachern und  Flammschutzmitteln stark belastet sein können. Schließlich landen die giftigen Gebrauchsgegenstände und damit die toxischen Stoffe in der immer mehr verbreiteten Hausmüllverbrennung, wodurch nochmalige Schadstoffemissionen erzeugt werden.

Viele dieser Stoffe haben eine neuartige Toxizität: sie wirken schon in geringsten Konzentrationen wie Hormone im tierischen und menschlichen Organismus. Geschlechtsumwandlungen bei Eisbären, Fischen, Schnecken deuten auf diesen Effekt hin.

Bei einem großen Teil der betreffenden Stoffe sind die Abbauprodukte (Metaboliten) noch toxischer als die vermarktete Substanz. Beispiel:  Der  Abbau von Nonylphenol-Ethoxylaten zu Nonylphenol, oder von Diuron zu 3,4-Dichloranilin. Nitromoschus-Verbindungen bilden toxische Abbauprodukte, die im Abwasser gelöst werden. 

Ein besonderes Problem bereitet die Tatsache, dass es kaum oder nur unzureichende Analyse-Verfahren für die neuen Stoffe gibt. Auch fehlen langzeitliche Wirkungsuntersuchungen. Die Industrie handelt daher doppelt verantwortungslos: sie setzt Verbindungen frei, die kaum nachgewiesen werden können, und deren Wirkungen unbekannt sind. 

  Ein weiterer Effekt der POPs betrifft globale Umwelt-Auswirkungen, wie sie im Rahmen der Öko-Toxikologie untersucht werden: die sogenannte „Globale Destillation“. Ausgangspunkt war die Entdeckung hoher Konzentrationen von PCB (Polychlorierten Biphenylen) im Fleisch von Seehunden und Eisbären der Arktis sowie in der Muttermilch von Inuit- (Eskimo-) Frauen. 10 Millionen Nanogramm PCB pro Kg Eisbärenfleisch (das sind 10 Milligramm pro Kg) sind praktisch „normal“ und entsprechen dem Wert, der für die Entsorgung von Sondermüll vorgeschrieben ist. Die hohe PCB-Konzentration in der Muttermilch gefährdet die geistig-körperliche Entwicklung der Inuit-Kinder. Bei Seehunden in der Ostsee wurden für PCB-Vergiftungen  typische deformierte Schädel gefunden. Auch beim Menschen wurden erstmals toxische Effekte nachgewiesen: anhand von Tests wurde festgestellt, dass Kinder die Fähigkeit zum Zeichnen von Figuren im Alter von 4 bis 5 Jahren noch nicht erworben haben, während unbelastete Kinder die Zeichentests bewältigten. Auch ein Einfluss auf die Fortpflanzung des Menschen ist nachgewiesen: die Qualität, d.h. die Beweglichkeit der männlichen Spermien nimmt ab, und damit auch die Fruchtbarkeit. Hodenkrebs bei Männern nimmt zu.

  Die Ursache dieser hohen Verseuchung in einem angeblichen Reinluft-Gebiet, wo die nächste umweltverschmutzende Industrie Tausende Kilometer entfernt ist, ist das Phänomen der sogenannten „globalen Destillation“ verbunden mit der Anreicherung der Giftstoffe in der Nahrungskette (Tab.1). Viele der POP-Stoffe sind leichtflüchtig, sie verdampfen daher in südlichen wärmeren Ländern, werden dann zu den Polen verdriftet und kondensieren in der Kälte. Nach Adsorption an Schneekristalle gelangen sie in die Nahrungskette der polaren Meere. Die POPs der neuen Generation verdoppeln ihre Konzentration in der Umwelt etwa alle 5 Jahre.

 

Tabelle 1: Anreicherung von PCB in der arktischen Nahrungskette: (Nach Greenpeace, 2000)

 

Stufe der Nahrungskette

PCB-Konzentration (ng/kg)

Meerwasser

2

Phytoplankton (Algen)

3000

Kabeljau

300 000

Robbe

3 000 000

Eisbär

10 000 000

 

Als weitere Folge der „globalen Destillation“  zeigt sich in hochgelegenen Gebirgsseen  z.B. in den Alpen eine Anreicherung von Giftstoffen. So wurde im 2800 Meter hoch gelegenen Schwarzsee oberhalb von Sölden eine DDT-Belastung in Forellen und Saiblingen gefunden, die tausendmal höher war als diejenige bei Fischen aus Flachland-Gewässern (Natur & Kosmos 6, 2000, 59). Das Wasser der kalten Gebirgsseen wirkt demnach als Kältefalle für Giftstoffe aus der POP-Reihe. 

 

Die herstellenden Industrie-Unternehmen mussten sich bislang nicht für die schädlichen Wirkungen verantworten, da es keine Haftungsregelung gibt. Auch fehlt ein wirtschaftlicher und rechtlicher Anreiz, gefährliche Stoffe schnell und umfassend durch andere zu ersetzen.

 

Ein weiteres Defizit besteht in den mangelnden Kenntnissen und Untersuchungen zur Toxizität der Stoffe  und deren Folgen für die Umwelt. Bei vielen Pestiziden gibt es nur Hinweise, aber keine genauen Daten über atmosphärischen Transport und Abbau in der Umwelt. So nimmt der Anteil von Pestiziden in Nahrungspflanzen immer mehr zu, sodass 2001 Pestizid-Grenzwerte in 4,3% der Lebensmittel in Europa überschritten wurden. Von 730 in der EU zugelassenen Pestiziden sind repräsentative Daten nur von 17 Stoffen verfügbar. Von den 2500 mengenmäßig bedeutendsten Chemikalien in Europa gibt es vollständige Daten zu den Umwelt-Eigenschaften nur bei 5% der Stoffe, und gesetzlich vorgeschriebene Basisdaten nur bei 31%. .    In der EU sind 30 000 Chemikalien mit einer Jahresproduktion von mehr als 1 Tonne auf dem Markt. 99% davon sind kaum auf ihre Giftigkeit untersucht (GP-Nachrichten 3, 2003, 3).

 Hersteller verweigern Untersuchungen zu den ökologischen Risiken der Stoffanwendung, wie z.B. zum Abbau in der Umwelt, Einflüsse auf Meerestiere und Vögel.

Folglich gibt es auch keine Regeln für den Umgang mit den Stoffen. Für Schwermetalle wie Cadmium oder für Produkte mit Flammschutzmitteln ist keine geordnete Müllentsorgung vorgesehen. Eine Planung für Produkt-Lebenszyklen oder Stoffflüsse fehlt. Und dies angesichts der prognostizierten weiteren Zunahme der Konzentrationen von Dauergiften in der Umwelt in den nächsten Jahrzehnten.

 

Frick, F.: Hormonell aktive Umweltschadstoffe. Forschen in Jülich Nr.1, 1.6.00, S.26 (Buchregal: Luft)

Bestimmte Chemikalien wie Octyl- oder Nonylphenol können an Östrogen-Rezeptoren anlagern und somit östrogenähnliche Wirkungen im Körper auslösen. Bei Ratten ging beispielsweise die Spermienproduktion nach oraler Aufnahme von geringen Mengen ddieser beiden Stoffe zurück.

  Octyl- und Nonylphenole sind Abbauprodukte der Alkylphenol-ethoxylate (APEOs), die als nicht-ionische Tenside weltweit in Wasch- und Reinigungsmitteln und vielen anderen Produktklassen verwendet werden. In Deutschland haben sich die Fachverbände der Waschmittelindustrie freiwillig verpflichtet, auf den Einsatz von APEOs „in bestimmten Produkten“ zu verzichten. Wasch- und Reinigungsmittel sind danach ab 1986 APEO-frei. APEO-Abbauprodukte sind neben der hormonartigen Wirkung für Wasserlebewesen sehr giftig.

  Untersuchungen über die Nonylphenol-Konzentrationen in Miesmuscheln durch das Forschungszentrum Jülich  zeigten seit 1986 eine deutliche Abnahme. Dennoch ist dieser Stoff nach wie vor in Miesmuscheln vorhanden. Offenbar werde die Selbstverpflichtung nicht von allen Betrieben eingehalten, so die Jülicher Forscher. Auch werden Nonylphenol-ethoxylate in Produkten eingesetzt, die von der Verzichtserklärung ausgenommen sind.

 

Bromierte Flammschutzmittel

Die WWF-Studie „Gefahren für die menschliche Gesundheit durch hormonell wirksame Zusätze in Kunststoffprodukten“ weist auf die Gefahren durch bromierte Flammschutzmittel in verschiedenen Kunststoff-gegenständen, wie Computer- und Fernseh-Gehäusen, Elektrogeräten,  Auto-Armaturen, Möbel, Matratzen, Spielzeug, Textilien, u.a. hin. Besonders Säuglinge und Kleinkinder seien gefährdet. Die Stoffe sind schwer abbaubar und reichern sich in Nahrungsmitteln an. Untersuchungen in Schweden belegen eine zunehmende Belastung der Muttermilch. Die Stoffe dünsten anscheinend aus den Kunststoffen aus und gelangen über Atemluft, Haut und Nahrung in den Körper.

  Der Verband Kunststofferzeugende Industrie reagiert wie üblich: Es handele sich um eine „unverantwortliche Panikmache“, da die Zusatzstoffe strengen gesetzlichen Vorgaben unterlägen. Außerdem würden Kunststoffe den „Mitbürgern“ viele Vorteile im täglichen Leben bieten, denen gegenüber so geringfügige Nachteile nun mal in Kauf zu nehmen seien. (siehe u.a.: WK, 6.7.00 (dpa): Kunststoffe im Visier)

 

Weichmacher

Die Stiftung Warentest hat in 200 von 600 untersuchten Hausstaubproben  den Weichmacher DEHP (Di-ethyl-hexyl-phthalat) gefunden, davon in 18% in „sehr starkem Ausmaß“. Zusätzlich wurden in fast allen Proben Flammschutzmittel gefunden. Dadurch bestehe die Gefahr, dass Kinder allein durch das Schlucken des Hausstaubs täglich mehr als die tolerierbare Menge an DEHP aufnehmen. DEHP beeinträchtigt die Fortpflanzungsfähigkeit, ist für die Leber giftig und bewirkt Entwicklungsstörungen bei Embryonen.  Auch eine Schädigung des Säuglings über die Muttermilch ist möglich.

Die Weichmacher kommen aus PVC-Fußböden und Tapeten, die Flammschutzmittel aus Montageschäumen, Bodenversiegelungen, elektrischen Geräten.

  Die Zeitschrift Ökotest fand in sämtlichen 8 getesteten Barbie-Puppen „große Mengen von Weichmachern“. Ferner seien die Puppen aus PVC, ebenso Teile des Zubehörs und der Verpackung. In einigen Puppen fanden sich ferner zinnorganische und/oder halogenorganische Verbindungen, in einer Puppe auch noch der Farbstoff „Dispers-Orange 37/76“, der Allergien auslösen könne. (WK, 21.11.00). Folgende Puppen-Marken wurden von Öko-Test als „weniger empfehlenswert“ eingestuft:

n     Barbie Rainbow Prinzess“ von Mattel

n     Sylvia-Marie Life Style von Simba Toys,

Als „nicht empfehlenswert wurden eingestuft:

n     Britney Spears (Joker),

n     Hawaii Ken (Mattel)

n     Jessica (Toys´R US),

n     Sailor Moon (Igel), Shelly Club Lorena (Mattel), Steffi Love Skate N´Board (Simba).

n     Also der ganze Schieß

(Kommentar: Ich habe schon immer geahnt,  dass Barbie-Puppen Giftmüll-Entsorgungsbehälter sind, ebenso wie ihre lebenden Abbilder meist selbst Giftkröten darstellen…)

 

PVC-Weichmacher wie DEHP kommen auch in Behandlungsgeräten von Kliniken, wie z.B. PVC-Infusionsschläuchen, PVC-Spritzen, Blutbeuteln und Beatmungsmasken vor und gefährden dadurch Patienten in Kliniken. Besonders betroffen sind Frühgeborene auf Neugeborenen-Intensivstationen, die künstlich beatmet und ernährt werden. Die Weichmacher aus den PVC-Schläuchen schädigen Organe wie die Leber mit der Folge gravierender Stoffwechselstörungen. Die DEHP-Belastungen der Frühgeborenen liegen 1000-fach höher als die Durchschnittsbelastung Erwachsener, so eine Mannheimer Forschungsgruppe. Demnach sind die Entwicklungsstörungen und Organschäden der Frühgeborenen vor allem auf DEHP aus PVC-Schläuchen, und nicht auf eine mangelnde Nährstoff-Verarbeitung der angeblich noch nicht reifen Leber zurückzuführen. Alternativen bei den Medizin-Geräten aus Polyethylen oder Polyolefinen seien verfügbar, werden  aber wegen höherer Preise von den Kliniken nicht beschafft! Wieder ein Beispiel, wie die Kosten-Rationalisierung  mit der Gesundheit der Patienten bezahlt wird. (GP-Magazin 3, 2001, 4).

 

Internationale Regelungen

Als Maßnahme gegen die weltweite Vergiftung durch die POP-Stoffe setzt Greenpeace auf internationale Abkommen und Vereinbarungen, wie verschiedene UN-Resolutionen und die OSPAR-Konvention, die in die europäische Gesetzgebung eingehen soll. Ziel ist ein weltweites Verbot der Herstellung und Verbreitung der betreffenden Stoffe.  Auch technische Vorkehrungen wie besondere Arten der Müllverbrennung seien in Betracht zu ziehen. (Manfred Krauter, Greenpeace Deutschland, 25.5.00 in Frankfurt, Achema).

 

122 Staaten haben sich im Rahmen der sogenannten POP-Konvention der UN auf ein Verbot der 12 giftigsten POP-Stoffe geeinigt: Dioxine und Furane, PCB, Hexachlorbenzol, die Pestizide Aldrin, Chlordan, DDT, Dieldrin, Endrin, Heptachlor, Mirex und Toxaphen. DDT wird noch immer in vielen Ländern der 3. Welt zur Bekämpfung der Malaria eingesetzt.

  Die 5. POP-Konferenz der UN im Dezember 2000 in Johannesburg brachte den Durchbruch für das „Dreckige Dutzend“: nicht nur ein Herstellungs- und Verwendungsverbot, sondern auch eine Beseitigung der Stoffe soll vorgeschrieben werden. Weitere Stoffe können unter die POP-Konvention fallen, wobei das Vorsorgeprinzip gelten soll, d.h. die Giftigkeit muss nicht zweifelsfrei bewiesen sein, um Sanktionen durchzuführen. (Natur u. Kosmos 2, 2001, 58). Damit sind aber viele der übrigen „neuartigen Chemiegifte“  nicht beseitigt.

 

Zurück

Zur Seite der Selbsthilfegruppe