Giftmüll: Die Rolle der Mafia

Weil es kaum noch legale Möglichkeiten gibt, Gift- und Atommüll ordnungsgemäß zu entsorgen, gewinnt die Mafia auch für Staaten und die Industrie immer mehr an Bedeutung, um das Zeug überhaupt irgendwie loszuwerden. Sie bieten die „Entsorgung“ auf dem internationalen Markt über Tarnfirmen zu günstigsten Preisen an, und die Behörden, die das gemäß Auftrag am billigsten erledigen sollen, verschaffen denen die nötigen Genehmigungen.

In Italien hat sich die Mafia häufig der Giftmüll-Entsorgung angenommen. Sie entsorgt den Müll auf wilden Deponien, bestechen Beamte und rechnen für eine geordnete Entsorgung ab. Allein 2004 soll Giftmüll für 3 Milliarden Euro illegal  in Italiens Landschaft gekippt worden sein, wodurch das  Grundwasser verseucht wird. Im Vergleich zu 2003 soll die illegale Entsorgung um 30% zugenommen haben, wie die Umweltorganisation Legambiente errechnet hat (Natur u. Kosmos 8, 2005, 14). Der Giftmüll, nach Aussagen des Ex-Mafiabosses Carmine Schiavone mehrere Millionen Tonnen, soll teilweise aus Norditalien und Deutschland stammen, darunter auch radioaktiver Atommüll aus Deutschland. Die Mafia hatte giftigen Industriemüll aus Norditalien nach Süden transportiert und in Gruben in der Landschaft verfüllt, darunter Dioxin, Asbest, Lösungsmittel wie Tetrachlorethen. Jährlich etwa 11,6 Millionen Tonnen Giftmüll wurden so „entsorgt“. 

 Rund 70000 Menschen demonstrierten am 16.11.13 in Neapel gegen die Mafia und verlangten eine Sanierung der illegalen Giftmüll-Halden. (dpa, 18.11.13, WT).

Der illegale Handel mit Giftmüll hat in Italien Anfang der 1980-er Jahre begonnen. Italienische Politiker hatten deshalb mit der Mafia-Organisation Ndrangeta verhandelt, um giftigen und radioaktiven Müll zu entsorgen, weil es offenbar keine anderen Möglichkeiten gab. Der Staat habe aber beim Müllgeschäft mitkassiert, der damalige Innenminister Napolitano, 2014 Staatspräsident,  war beteiligt, auch der Bruder Paolo von Silvio Berlusconi. Die Behörden verschafften dem Canalesi-Clan die nötigen Papiere für die angebotene angeblich sachgerechte Entsorgung zu vergleichsweise niedrigen Preisen. Der stellvertretende Chef des Katastrophenschutzes, Claudio De Basio, war mitverantwortlich für die Beseitigung der illegalen Giftmüll-Ablagerungen in der Region Campanien. Er wurde wegen seiner Verbindungen zur Camorra 2007 verhaftet (Gabbe, 2014, s.u.). Die Gewinnspanne der Camorra war besonders groß, weil sie den Giftmüll einfach auf die Felder, in Täler  oder in Felsspalten kippte.   Der Canalesi-Clan, zu dem Schiavone gehört, hatte Kontaktmänner in Deutschland, die Kontakt zu Politikern unterhielten. Durch  Vermittlung von Schiavone kam Giftmüll und radioaktiver Müll aus Deutschland zu einer Verwertungsgesellschaft in Mailand. Im Januar 2014 verbreitete der Ex-Mafiaboss Schiavone offenbar gezielt Panik, damit der Staat zur Sanierung der vergifteten Flächen Milliarden spendiert, von denen dann wieder die Mafia profitieren würde.

Als Abladeplätze wurden verschiedene Gebiete vorgesehen: Aspromonte, ein Bergmassiv im Süden Kalabriens, die süditalienische Region Basilikata, das Mittelmeer an den italienischen Küsten,

Meist wurde der Müll in einem Gebiet nördlich von Neapel im „Dreieck des Todes“ um die Stadt Acerra abgeladen. Eine Studie der US-Navy von 2011 zählt 5281 verseuchte oder verdächtige Orte in der Region auf. 92% der Wasserproben von privaten Brunnen in der Umgebung des US-Navy-Stützpunktes Gricignano zeigten hohe Konzentrationen von Schadstoffen und Uran, sodass  ein „unannehmbares Gesundheitsrisiko“ besteht, wenn das Wasser getrunken wird. Behörden gruben bei Caviano auf  7 Hektar landwirtschaftlicher Fläche mit Anbau von Gemüse Giftfässer aus. Weiter westlich liegt bei Giugliano die größte Giftmüll-Kippe Europas mit hohen Dioxin-Konzentrationen und Giftschlamm-Mengen. Die größte Katastrophe werde erst in 50 Jahren eintreten, wenn die Gifte „Dutzende Quadratkilometer Land“ verseuchen werden, wie eine geologische Studie feststellte.

Gesundheitliche Folgen waren bereits 2013 offensichtlich: Krebserkrankungen der Männer in der Provinz Neapel hatten von 1990 bis 2010 um 47% zugenommen, die Zahl der Lungenkrebsfälle wächst auch bei Nichtrauchern. In der Region Campanien ist die Unfruchtbarkeitsrate am größten in ganz Italien, auch die Zahl der Fälle von schwerem Autismus ist am größten. Ursache ist eine erhöhte Quecksilber-Belastung.

In der Gegend um Caserta sind die Krebsraten in der Bevölkerung einschließlich der Kinder wesentlich höher als im Landesdurchschnitt. Jedoch ist der Beweis, dass dies auf die Gifte zurückzuführen sei, schwer zu führen, weil die wissenschaftlichen Belege fehlen.

(Spiegel 3, 13.3.14, 92-95; WT, 24.1.14, Bettina Gabbe; Mattioli und Palladino,  2011, s.u.).

Auch Somalia und die Gewässer anderer afrikanischer Staaten, und der Indische Ozean sind betroffen. Die italienische Mafia arbeitet mit somalischen Warlords und Piraten bei der Versenkung von Giftmüll im Indischen Ozean zusammen. Dafür liefern sie den Banden und Piraten Handfeuerwaffen aus dem Balkan. Die EU-Marine hat vor der somalischen Küste verdächtige Müllschiffe beobachtet. Nach Angaben von UN-Umweltexperten haben europäische Firmen seit den 1990-er Jahren vor der Somalia-Küste Giftmüll wie Schwermetalle, darunter Cadmium und Quecksilber, Atommüll und Krankenhaus-Abfälle entsorgt. Seitdem tauchen an den Stränden Somalias immer wieder Giftmüll-Fässer auf, so auch nach dem Tsunami 2004. (Spiegel 26, 25.6.12, 90; Spiegel  3, 13.3.14, 92-95).).

 Leiter der staatlichen Energiebehörde ENEA hatten sich auch direkt an die Ndrangheta gewendet, um 600 Container mit giftigem und radioaktivem Müll aus Italien, Schweiz, Deutschland, Frankreich und den USA zu „entsorgen“.

Giftmüll aus Norditalien, Deutschland und anderen nordeuropäischen Ländern war 1994 nach Kalabrien gebracht worden und wurde dort in den Höhlen des Aspromonte versteckt und auch im Mittelmeer versenkt. Der Staatsanwalt Francesco Neri aus Reggio di Calabria untersucht 70 Fälle von verschwundenen Schiffen, darunter auch einige mit Atommüll. Ein Atommüll-Schiff, die „Rigel“, war am 21.9.1987 vor Cabo Spartivento bei Reggio di Calabria, 25 Meilen vor der Küste „verschwunden“, vermutlich mit Atommüll beladen. Ein anderes Schiff, die „Jolly Rosso“ wurde am 14.12.1990 bei Amantea an der kalabrischen Küste an den Strand getrieben. Lastwagen holten nachts die Fracht ab, und eine Ndrangheta-Familie aus Africo an der ionischen Küste Kalabriens  handelte danach mit Atommüll. Im angrenzenden Oliva-Tal wurden blaue Müllfässer gefunden. Im Flusstal wurden Schwermetalle und radioaktives Cäsium-137 bis in 4 m Tiefe gefunden. An einer Straße zum Tal hat ein künstlicher Hügel extrem hohe radioaktive Strahlung. Das verunreinigte Gebiet liegt in der Nähe des 1990 gestrandeten Schiffes „Jolly Rosso“.

Vor dem Ort Cetaro wurde 1992 der Frachter „Kunsky“ mit einigen von den 600 Giftmüll-Containern versenkt, ein weiterer Frachter mit Giftmüll-Schlämmen vor Maratea in Basilikata und ein Giftmüllfrachter vor Melito di Porto Salvo.

2 Journalisten, die Kenntnisse über die Rolle des italienischen Geheimdienstes bei der Giftmüllentsorgung hatten, wurden natürlich ermordet. Staatsanwalt Neri gibt keine Auskunft mehr, er unterliegt dem Schweigegebot der Ndrangheta. (GP-Magazin 6, 2010, 58-61).

Lit.: Sandro Mattioli, Andrea Palladino; Die Müllmafia – das kriminelle Netzwerk in Europa. Herbig-Verlag, 2011

 

Kommentar: Da mehrere Quellen bestätigten, dass auch Giftmüll aus Deutschland von der Mafia „entsorgt“ wurde, muss man von einem kriminellen Netzwerk von Teilen der chemischen und Atom-Industrie in Deutschland und anderen Ländern mit der Mafia ausgehen.